Brandenburg a. d. Havel In Karte lokalisieren

Mittelalterliche Urbanisierung zwischen geistlichen und weltlichen Herren:

Blickt man auf die Stadtentwicklung von Brandenburg an der Havel, so kennzeichnet das mittelalterliche Siedlungsbild eine Vielseitigkeit, wie sie bei kaum einer anderen märkischen Kommune zu finden ist. Dies ist nicht zuletzt auf Interessen unterschiedlicher Akteure zurückzuführen, die im Zusammenhang mit dem mittelalterlichen Landesausbau östlich der Elbe versuchten, in Brandenburg Fuß zufassen. Die Förderung kommunaler Entwicklung war für geistliche und weltliche Herren gleichermaßen ein wichtiges Instrument herrschaftlicher Durchdringung des von ihnen beanspruchten Raumes. Die mittelalterliche Stadtentwicklung in Brandenburg an der Havel spiegelt hiermit verbundene Absichten, Planungen und Maßnahmen in anschaulicher Weise wider.

Die Gründung Brandenburgs erfolgte keineswegs aus wilder Wurzel. Vielmehr fußte die städtische Entwicklung auf slawischen Siedlungsstrukturen, an deren Spitze die später so genannte Pribislaw-Burg stand, die nach dem letzten hier regierenden slawischen Fürsten benannt wurde und ihren Platz auf der heutigen Dominsel hatte. Als Pribislav 1150 starb, fand er bereits in einer christlichen Kapelle, die mit der Burg verbundenen war, seine letzte Ruhestätte.

Abb. 1: Zu den mittelalterlichen Wehrbauten der Brandenburger Altstadt gehört der um 1320 fertiggestellte Rathenower Torturm.

Nun äußerten die Burggrafen immer offensiver ihre Ansprüche, die im Namen ihres Herrn – des römisch-deutschen Königs – herrschaftliche Gewalt über die Dominsel und darüber hinaus auszuüben beabsichtigten. Mit den Askaniern, die ab 1157 zu Markgrafen von Brandenburg aufstiegen, stießen sie jedoch auf mächtige Konkurrenten, die im Umfeld der Dominsel eigene herrschaftliche Ambitionen verfolgten. Tatsächlich griffen ältere slawische Rechte über die hiesige Burg hinaus, da mit dem Herrschaftssitz vier Siedlungen verbunden waren, die über die slawische Zeit fortbestanden und um die herum sich das Siedlungsbild allmählich veränderte. Es handelt sich hierbei um den kleinen und großen Domkietz auf der Dominsel, den altstädtischen bzw. Wendkietz im Bereich der Altstadt Brandenburg und den neustädtischen Kietz vor der Neustadt am Mühlendamm.

Diese Bezeichnungen gehen auf Siedlungsstrukturen zurück, die sich mit dem Zuzug von Neuankömmlingen aus der Region von Elbe und Saale im 12. Jahrhundert entwickelten. Die früheste Siedlung der Zuwanderer war Parduin (sprich: pardūn), die auf königlichem Gebiet um 1160 entstand und sich später zur Altstadt Brandenburg entwickelte. Erste Spuren dieser Siedlung sind im Umfeld der Kirche St. Gotthard belegt, wo sich bereits um 1147 eine Gruppe von Prämonstratensern aus Leitzkau niedergelassen hatte.

Abb. 2: Rathaus der Altstadt Brandenburg, der vor diesem Gebäude stehende, im 15. Jh. gefertigte Roland 1946 aus der Neustadt Brandenburg hierher versetzt

Die reformorientierten Ordensmänner betätigten sich intensiv in der christlichen Mission und Seelsorge, weit über Parduin hinaus. In ihre Nähe zogen vor allem die als Händler tätigen Neusiedler, denen St. Gotthard als Pfarrkirche diente. Schon bald erhob der Brandenburger Bischof Wilmar den Konvent der Prämonstratenser zum Domkapitel. Ihre Umsiedlung auf die Dominsel folgte 1161. Vier Jahre später begann der Bau des Domes, der eine ältere bei der Burg gelegene Kathedralkirche ersetzen sollte. St. Gotthard entwickelte sich zur Pfarrkirche der Siedlung Parduin. Ihr Name geht auf einen alten gleichnamigen Havel-Arm zurück, der ins Niederländische mit „starkes Schiffstau“ übersetzt werden kann, und auf die wichtige Bedeutung des Wassers für die örtliche Stadtentwicklung verweist. Die Havel markierte nämlich die herrschaftliche Grenze zwischen dem königlichen, zum Havelland gehörenden Gebiet, auf dem die Siedlung Parduin lag, und der Zauche, die zum Eigengut der Askanier gehörte.

Um 1170 entstand hier am anderen Havelufer auf Teilen der Gemarkung Stutzdorf/Deutschendorf eine neue Siedlung, die unter dem Namen Neustadt Brandenburg 1197 erstmals urkundlich erwähnt wird. Diese erste, östlich der Elbe von den brandenburgischen Markgrafen gegründete Kommune, begann durch gezielte Förderung die fortan so genannte Altstadt wirtschaftlich zu überflügeln. Dies gelang nicht zuletzt mithilfe eines systematischen Ausbaus städtischer Infrastruktur, der sich noch heute im Stadtgrundriss erkennen lässt. Wie in anderen märkischen Kommunen wurde in Brandenburg während der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts ein Mühlendamm aufgeschüttet, der die Neustadt mit der Dominsel verband. Dieses Bauwerk staute die Havel, um Wassermühlen antreiben zu können.

Darüber hinaus führte über den Mühlendamm ein wichtiger Verkehrsweg, der mehrere Havelinseln überbrückte und bei Krakau, einem heute eingemeindeten Stadtteil, festes Land erreichte. Hierüber führte ein Großteil des Landtransports zwischen Magdeburg und Berlin (Spandau) bzw. weiter in Richtung Posen und Schlesien, der mithilfe des Mühlendamms in die Neustadt Brandenburg geleitet wurde. Den mittelalterlichen Grundriss der Stadt kennzeichnet ein auffälliges Wegekreuz, das aus vier Richtungen unmittelbar am neustädtischen Markt zusammenlief. So bot die Hauptstraße in Verlängerung über die vermutlich schon ins 10. Jahrhundert zurückgehende Lange Brücke (Jahrtausendbrücke) eine Verbindung in die Altstadt und von dort weiter nach Rathenow.

Abb. 3: Brandenburg a. d. Havel mit Jahrtausendbrücke, wichtiges Wahrzeichen der Stadt, eingeweiht 1929 zur 1000-Jahrfeier an der Stelle der bis ins Mittelalter zurückreichenden Langen Brücke (Foto 2015)

Die Sankt-Annen-Straße ihrerseits vermittelte den Verkehr in die Zauche hinein, während die Steinstraße die von der Elbe und Magdeburg herführende Landstraße aufnahm. Die Anlage der Neustadt zeigt deutlich das Muster einer im Mittelalter planvoll angelegten Stadt mit Konzentration auf Handel und Gewerbe. Die neustädtische Bürgerschaft besaß mit St. Katharinen eine eigene Pfarrkirche. Ab 1286 wurde auf dem Gelände eines markgräflichen Hofes die Paulskirche errichtet, die zum Kloster der kurz zuvor in die Stadt gezogenen Dominikaner gehörte. Nicht zuletzt die Existenz dieses Bettelordens markierte den wirtschaftlichen Erfolg der Neustadt, woraufhin die vom Erzbischof von Magdeburg in Wusterwitz geplante Stadtgründung stagnierte.

Auch die Entwicklung der Altstadt Brandenburg wurde von der Neustadt überflügelt. Erst als sie in den 1240er Jahren den Einfluss der konkurrierenden Burggrafen ausschalten konnte, fingen die brandenburgischen Markgrafen an, die Altstadt gezielt zu fördern, indem sie eine planvolle Erweiterung des altstädtischen Gebietes zuließen. Es folgte 1249 eine Übertragung der Orte Luckenberg, Blosendorf und des Kallenbergs an die Altstadt, wobei die dort lebende Bevölkerung zu Stadtbürgern erklärt wurde. Während der Stadterweiterung wurden auch die Niederlassung der seit 1234 ansässigen Franziskaner und deren im Bau befindliche Johanneskirche in die Altstadt einbezogen. Die Eingemeindungen Brielows und des Wendkietzes folgten 1290 bzw. 1308. Mit Unterstützung der Askanier hatte sich die Altstadt mit ihrer Feldmark bis an den Quenzsee herangeschoben. Auch die Neustadt, die zunächst nicht über eine Feldmark verfügte, konnte ihren Einfluss aufs Umland ausdehnen und die Orte Planow, Stenow, Kietz Woltitz, Krug Krakow, Gröben, Schmölln, Wendgräben und Duster-Reckahne in Besitz nehmen.

Abb. 4: Steintorturm in der Brandenburger Neustadt, errichtet 1. Hälfte 15. Jh.

Die in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts begonnene Befestigung beider Städte mit ihren noch heute stadtbildprägenden Bauten wie dem Steintor- und dem Mühlentorturm in der Neustadt sowie dem Rathenower (Abb. 1) und dem Plauer Torturm in der Altstadt, markierten für jeden mittelalterlichen Zeitgenossen sichtbar die engeren Grenzen des städtischen Rechts, das in Brandenburg nach Magdeburger Vorbild ausgeübt wurde. Mehr noch verdeutlichten sie den wehrhaften Charakter beider Bürgerschaften, die separat tagende Stadträte und auf den jeweiligen Markplätzen errichtete Rathäuser besaßen. Für gemeinsame Interessen existierte jedoch, ähnlich wie in der Doppelstadt Berlin-Cölln, ein gemeinsames Rathaus, das 1360 erstmals erwähnt wird und auf der Langen Brücke (heute Jahrtausendbrücke) stand. Die Neustadt blieb jedoch die bedeutendere beider Kommunen. Dies lässt sich nicht zuletzt daran erkennen, dass sie unter Markgraf Johann in dessen Herrschaftsteilen zur höchsten Dingestadt in Auslegungsfragen des Stadtrechts ernannt worden ist. Hieraus folgte noch im Verlauf des 14. Jahrhunderts ein Geltungsanspruch für die gesamte Mark Brandenburg, womit Auskünften und Urteilssprüchen der Magdeburger Schöffen ein Riegel vorgeschoben werden sollte.

Die bereits erwähnten Wassermühlen zwischen Alt- und Neustadt Brandenburg waren für das Gewerbe beider Städte unverzichtbar. Letztlich prägte auch die Schifffahrt auf der Havel die städtische Entwicklung Brandenburgs nachhaltig. Bereits mit der Anlage des Mühlendamms begann der Bau einer Flutrinne, die den Schiffsverkehr in einem großzügigen Bogen um die Neustadt leitete. Hier musste Zoll gezahlt werden, ein Prozedere das sich mit der Umschreibung „etwas zu verrönnen“ in den Urkunden wiederfindet. Der mit dem heutigen Jakobsgraben noch vorhandene Schifffahrtsweg verlor erst Mitte des 16. Jahrhunderts mit einem neuerlichen Ausbau der Havel und dem Bau der Kammerschleuse (Stadtschleuse) allmählich seine Bedeutung. Die hier nur in groben Zügen angesprochenen Entwicklungen der mittelalterlichen Stadt Brandenburg lassen sich bei aufmerksamen Gängen durch den historischen Stadtkern noch heute ausfindig machen.

Text Sascha Bütow

 

Weiterführende Literatur:

Harald Bodenschatz u. Carsten Seifert: Stadtbaukunst in Brandenburg an der Havel. Vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Berlin 1992.

Friedrich Ebel: Brandenburg und das Magdeburger Recht, in: Beiträge zur Entstehung und Entwicklung der Stadt Brandenburg im Mittelalter, hg. v. Winfried Schich, Berlin 1993, S. 157–174.

Joachim Müller: Brandenburg an der Havel. Von der Frühstadt zur Planstadt, in: Lübecker Kolloquium zur Stadtarchäologie im Hanseraum, Bd. X, Vorbesiedlung, Gründung und Entwicklung, hg. v. Manfred Gläser, Lübeck 2016, S. 321–338.

Joachim Müller: Brandenburg an der Havel. Altstadt und Neustadt, in: Führer zu archäologischen Denkmälern, Bd. 37, Potsdam, Brandenburg und das Havelland, Stuttgart 2000, S. 230–237.

Winfried Schich: Die Bedeutung von Brandenburg an der Havel für die mittelalterliche Mark Brandenburg, in: Wie die Mark entstand. 850 Jahre Mark Brandenburg, Fachtagung vom 20. bis 22. Juni 2007 in Brandenburg an der Havel, hg. v. Joachim Müller, Klaus Neitmann u. Franz Schopper, Wünsdorf 2009, S. 431–451.

Zitation:

Sascha Bütow: Brandenburg an der Havel. Mittelalterliche Urbanisierung zwischen geistlichen und weltlichen Herren, in: Das Magdeburger Recht. Baustein des modernen Europa, 21.09.2020, https://magdeburg-law.com/de/magdeburger-recht/historische-staedte/brandenburg-a-d-havel/

Der Beitrag ist eine leicht überarbeitete Fassung des Aufsatzes von Sascha Bütow: Urbanisierung zwischen geistlichen und weltlichen Herren – zur Entwicklung der Stadt Brandenburg an der Havel im Mittelalter, in: Die Mark Brandenburg, Nr. 111 (2018), S. 10–15.

Abbildungen:

Abb.1 bis 4: Wikimedia Commons CC-BY-SA-4.0 (Abb.4 Lienhard Schulz)